Imbolc als Schwellenzeit im Jahreskreis
Noch zeigt sich die Landschaft hier in meiner Umgebung sehr winterlich. Eine dicke Schneeschicht bedeckt den Boden, dichter Nebel nimmt die Sicht. Äußerlich wirkt alles still, beinahe unbewegt. Nichts drängt nach außen. Und doch entsteht der Eindruck, dass sich unter der Oberfläche etwas bewegt.
Für mich zeigt sich Imbolc als eine Zeit, in der ich spüre, dass etwas entstehen will. Eine Idee. Eine Sehnsucht. Ein Wunsch. Gleichzeitig zieht es mich nach innen. Ich sammle mich. Bereite mich vor. Imbolc erinnert mich daran, dass es Mut und Vertrauen braucht, in dieser Phase „des noch nicht Wissens“ zu verweilen.
Die dunkelste Zeit des Winters liegt hinter uns. Doch Imbolc fordert nicht den nächsten Schritt – sondern zunächst ein Innehalten.
Was Imbolc nicht ist – kein schneller Neubeginn
Imbolc wird oft als Beginn des Frühlings verstanden. Als Zeit des Aufbruchs und neuer Energie. Doch noch fehlen Klarheit, Tatendrang und sichtbares Wachstum.
Imbolc ist kein schneller Neubeginn. Keine Phase, in der Entscheidungen getroffen oder Pläne festgezurrt werden müssen. Die Tage bleiben kalt. Der Boden ist hart. Das Licht kehrt zurück, bleibt aber zart.
Was sich bewegt, tut dies im Verborgenen. Geschützt. Leise. Genau darin liegt die Qualität dieser Zeit. Imbolc fordert kein Handeln. Es lädt zur Zurückhaltung ein. Zur Sammlung. Zum Aushalten des Nichtwissens – als Grundlage für alles, was später Gestalt annehmen will.
Die leise Bewegung unter der Oberfläche
Auch wenn die Landschaft still wirkt, ist sie nicht leblos. Unter der Schneedecke, unter dem gefrorenen Boden, beginnt sich etwas zu bewegen. Die Säfte steigen. Energie sammelt sich in den Knospen.
Diese Prozesse bleiben uns jedoch verborgen. Sie brauchen Dunkelheit und Zeit. Nichts drängt jetzt schutzlos in die Kälte nach außen. Wachstum entsteht langsam. Durch Konzentration. Durch Schutz.
Imbolc lenkt den Blick auf genau diese Phase. Auf das, was noch nicht sichtbar ist. Auf Kräfte, die sich ordnen, bevor sie Form annehmen. Auf das innere Licht, das genährt wird, ohne bereits weit hinaus zu leuchten.
Imbolc als innere Erfahrung
Imbolc ist ein Zustand. Etwas ist in Bewegung, ohne eine klare Richtung zu haben. Gedanken tauchen auf und ziehen sich zurück. Ideen sind da, aber noch nicht greifbar.
Für mich bedeutet das, langsamer zu werden. Wahrzunehmen, was sich meldet, ohne es festzuhalten. Nicht alles braucht jetzt eine Entscheidung. Manches braucht nur Aufmerksamkeit und Zeit.
Zwischen Rückzug und Aufbruch entsteht ein Raum, der ungewohnt sein kann. Ein Raum ohne Plan. Ohne Gewissheit. Doch genau hier sammelt sich Kraft. Nicht, um sofort nach außen zu gehen, sondern um innerlich klarer zu werden.
Schwellenzeit und Neubeginn im Rhythmus der Jahreszeiten
Neubeginn verbinden wir oft mit Aktivität. Mit Entscheidungen, ersten Schritten, Sichtbarkeit. Im Jahreszeitenrhythmus zeigt sich jedoch, dass jedem äußeren Anfang eine Phase des inneren Klärens vorausgeht.
Imbolc markiert genau diesen Übergang. Noch ist nichts entschieden. Noch muss nichts umgesetzt werden. Stattdessen geht es darum, auszurichten, was wachsen soll, und zu prüfen, was dafür gebraucht wird. Manche Impulse erweisen sich als tragfähig, andere verlieren an Gewicht.
Diese Zeit lädt dazu ein, achtsam wahrzunehmen: den Wunsch, voranzugehen, ebenso wie das Bedürfnis, geschützt zu bleiben. Neubeginn entsteht nicht durch Eile, sondern durch Bereitschaft – dort, wo innere Bewegung langsam Form annehmen darf.
Die Einladung von Imbolc zum Innehalten
Imbolc stellt keine Forderungen. Diese Zeit verlangt keine Entscheidungen und keine Richtung. Sie lädt dazu ein, aufmerksam zu bleiben für das, was sich leise zeigt. Für das, was Wärme braucht. Und für das, was noch nicht bereit ist, sichtbar zu werden.
Vielleicht geht es jetzt weniger darum, etwas zu beginnen, als etwas zu hüten. Gedanken, Impulse, innere Bilder dürfen unfertig bleiben. Nicht alles muss geteilt oder benannt werden, um wirksam zu sein.
In der Schwebe bleiben – zwischen Winter und Frühling
Imbolc ist eine Schwellenzeit. Ein offener Raum zwischen Winter und Frühling. Zwischen Rückzug und Bewegung. Wer hier verweilt, lernt, dem eigenen Rhythmus zu vertrauen.
Manches wird sich zeigen, wenn die Zeit reif ist. Bis dahin genügt es, präsent zu sein. Wach. Verbunden mit dem, was im Verborgenen wächst.

